Beispiel Guter Praxis: Das BENdA-Vernetzungsprojekt (September 2026)
Verankerung und Sichtbarkeit der Querschnittsthemen in der Projektpraxis
Das Vernetzungsprojekt BENdA im ESF Plus-Programm Rat geben – Ja zur Ausbildung (BMAS) hat durch einen Peer-to-Peer Learning Prozess eine Handreichung entwickelt, die anhand von Beispielen aus der Praxis zeigt, wie die drei Querschnittsthemen in den Projekten des Programms umgesetzt und dadurch sichtbar, greifbar und konkret besprechbar werden.
Steckbrief
Institutionen Bundes-Empowerment-Netzwerk für diskriminierungskritischen Zugang in Ausbildung (BENdA)
Programm Rat geben – Ja zur Ausbildung! (BMAS)
Förderperiode 2021 – 2027
Querschnittsthema Gleichstellung der Geschlechter, Antidiskriminierung, Ökologische Nachhaltigkeit
Förderschwerpunkt Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung von Armut
Kontakt Maimouna Ouattara, Bundesverband NeMO
E-Mail
Um welche Herausforderung geht es?
Viele Programme des ESF Plus stehen vor der Frage, wie die Querschnittsthemen in der Programmumsetzung von Anfang an praxisnah verankert und gut sichtbar werden können. Häufig liegt der Fokus der Programme zunächst auf den Inhalten des Programms, während die Querschnittsthemen als ergänzend („add-on“) begriffen und nachrangig bearbeitet werden. Folglich werden die Querschnittsthemen als vermeintlich eigenständige Aspekte behandelt und nicht als inhärent in allen Fachpolitiken enthalten.
Das Programm Rat geben – Ja zur Ausbildung! verfolgt das Ziel, unmittelbare Bezugspersonen von jungen Menschen mit Migrationsgeschichte am Übergang Schule-Beruf in ihrer Rolle als Multiplikator*innen zu sensibilisieren und zu schulen. Dies können Eltern, Sozialpädagog*innen, Trainer*innen im Verein, oder auch Lehrkräfte sein. Durch ihre Beziehungen zu den jungen Menschen können sie als Vertrauenspersonen Rat geben: ob Zukunftspläne, Entscheidungen zur späteren Berufswahl oder Alltag – was passiert nach der Schule und wer hilft mir bei meinem Weg in die Ausbildung?
Auch in diesem Programmkontext bestand für die Projekte zunächst die Aufgabe darin, die Querschnittsthemen mit ihrem eigentlichen Auftrag konkret in Verbindung zu bringen.
Was wird gemacht?
Die Umsetzung der Querschnittsthemen auf Projektebene wird durch das Vernetzungsprojekt BENdA (Bundes-Empowerment-Netzwerk für diskriminierungskritischen Zugang in Ausbildung) unterstützt. BENdA ist die bundesweite Vernetzungs- und Fachstelle des Programms und begleitet die 16 Projekte fachlich, organisiert den Austausch und stellt praxisorientierte Materialien bereit.
Im Herbst 2024 führte BENdA ein programmweites Vernetzungstreffen durch, das sich ausschließlich mit der Umsetzung der drei Querschnittsthemen durch die Projekte befasste:
In einem Impulsblock wurden zunächst Expert*innen-Inputs zu den drei Handlungsgrundsätzen gegeben sowie der Stand zur Verankerung und Umsetzung der Querschnittsthemen durch BENdA vorgestellt. Bei den daran anschließenden Diskussionen in Kleingruppen setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit den Themen Antidiskriminierung, Ökologische Nachhaltigkeit und Gleichstellung der Geschlechter im Projektkontext auseinander und tauschten ihre Erfahrungen aus. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie die Querschnittsthemen in der praktischen Arbeit der Rat geben-Projekte umgesetzt werden (können) und wie die Projekte noch besser voneinander lernen können.
Die gesammelten Beispiele wurden anschließend aufbereitet, sodass die Diskussion dazu im programminternen digitalen Forum AGORA fortgeführt werden konnte. Dort vertieften die Projekte den Austausch zu ihren Erfahrungen, Herausforderungen und den bereits erprobten Maßnahmen und sammelten weitere Beispiele für die gelungene Umsetzung der Querschnittsthemen. Diese Beiträge bildeten die Grundlage für die von BENdA herausgegebene Handreichung Gleichstellung der Geschlechter – Antidiskriminierung – Ökologische Nachhaltigkeit. Einblicke in die Projektarbeit des ESF Plus-Modellprogramms „Rat geben – Ja zur Ausbildung!“ zur Umsetzung der Querschnittsthemen.
In der Handreichung wird die Vielfalt der Projektpraxis sichtbar gemacht und aufgeführt, welche Überlegungen und Umsetzungsstrategien in den drei Themenfeldern bereits entwickelt wurden. Dabei werden zunächst die verschiedenen Ansätze der Aktivitäten zusammengeführt und anschließend anhand konkreter Maßnahmen veranschaulicht.
Für das Querschnittsthema Antidiskriminierung handelt es sich dabei um Aktivitäten aus den Bereichen Mehrsprachigkeit und Barrierefreiheit, inklusive Kommunikation und Materialien, zielgruppenspezifische Angebote, sowie strukturelle Maßnahmen wie Schulungen und Sensibilisierungstrainings sowie die Auseinandersetzung mit internen Organisationsstrukturen.
Für das Querschnittsthema Gleichstellung der Geschlechter werden Maßnahmen aus den Bereichen Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, strukturelle Maßnahmen, Sensibilisierung und Weiterbildung der Rat geben-Teams, Abbau von Geschlechterstereotypen, Diversity Management, Chancengleichheit und Vernetzung sowie Zusammenarbeit mit externen Stellen aufgeführt.
Das Querschnittsthema Ökologische Nachhaltigkeit wurde durch Aktivitäten zu Ressourcenschonung im Büroalltag, nachhaltiger Beschaffung und Materialnutzung, umweltfreundlicher Mobilität, Digitalisierung und Reduzierung der Umweltbelastung sowie zur Sensibilisierung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung umgesetzt.
Die Handreichung wird als „Living Document“ begriffen und kann stetig fortgeführt und angereichert werden.
Warum ist das Gute Praxis?
Die Handreichung ist das Produkt eines vorbildlichen Umsetzungsprozesses der Querschnittsthemen. Die Programmverantwortlichen haben sich der Integration der Querschnittsthemen von Beginn an als Kernaufgabe gewidmet. Dabei wurden sie von der Fachstelle Querschnittsthemen im ESF Plus (FAQT) dabei unterstützt, Aspekte der Gleichstellung der Geschlechter, der Antidiskriminierung und der Ökologischen Nachhaltigkeit mit den Programmzielen zu verknüpfen. So konnte die Umsetzung der Querschnittsthemen auf Projektebene gezielt veranlasst und begleitet werden. Die Programmverantwortlichen im BMAS, das Vernetzungsprojekt BENdA und FAQT tauschten sich ca. alle neun Monate zum Stand der Umsetzung und zu den nächsten Schritten aus.
Aus einem dieser Beratungstermine entstand die Idee, ein Vernetzungstreffen ausschließlich zu den Querschnittsthemen durchzuführen. Die intensive Vorbereitung und anschließende Realisierung bot Raum für lebhafte und auch kontroverse Diskussionen und konnte für einen tiefen fachlichen Austausch über Erfahrungen, unterschiedliche Herangehensweisen und offene Fragen bei der Umsetzung genutzt werden. Durch diese Einblicke und insbesondere durch die anschließende Zusammenführung der Umsetzungsansätze in der Handreichung wird die Verankerung der Querschnittsthemen sichtbar.
Das Vernetzungsprojekt BENdA hat die Handreichung durch einen Peer-to-Peer Learning Prozess entwickelt. In der Handreichung wird anhand konkreter Beispiele aus der gelebten Projektpraxis Erfahrungswissen gebündelt und unmittelbar nutzbar gemacht. Der Peer-to-Peer-Ansatz schafft Raum für ehrliche Einblicke in Herausforderungen und Lösungswege und erleichtert den Transfer von erprobten Ansätzen zwischen unterschiedlichen Projektkontexten.
Die Anlage als „Living Document“ trägt dazu bei, die Umsetzung der Querschnittsthemen dauerhaft präsent zu halten und als kontinuierliche Aufgabe zu verankern. Die Handreichung ist damit nicht als abgeschlossenes Produkt zu verstehen, sondern als iteratives, wachsendes Wissens- und Arbeitsinstrument, das fortlaufend um neue Erfahrungen, Beispiele und Erkenntnisse aus der Praxis ergänzt wird.
Die Handreichung zeigt zudem eindrücklich: Die Querschnittsthemen sind integraler Bestandteil der täglichen Projektpraxis und die Umsetzung ist nicht optional. Es geht darum, die Themen bestmöglich in die Praxis zu bringen, voneinander zu lernen und die Umsetzung ggf. zu verbessern.
Was ist für einen Transfer zu beachten?
Der Peer-to-Peer-Ansatz und die Ausgestaltung der Handreichung als „Living Document“ schaffen gute Voraussetzungen für einen Transfer über Projekte und Projektphasen hinaus. Praxiserfahrungen, erprobte Lösungsansätze und konkrete Beispiele werden systematisch gebündelt, für andere Kontexte zugänglich gemacht und können dort aufgegriffen, angepasst und weiterentwickelt werden.
Eine Handreichung solcher Art kann eine Brücke zwischen Programmphasen bilden. Als „Living Document“ hält die Handreichung dieses Erfahrungswissen fest, macht es fortführbar und schafft Anknüpfungspunkte für neue Projekte und zukünftige Programmphasen. So kann auf bestehenden Erfahrungen aufgebaut werden, anstatt mit jeder Förderperiode neu zu beginnen.
Grundsätzlich lässt sich eine solche Handreichung in jedem ESF Plus-Programm – auf Bundes- wie auf Landesebene – umsetzen. Voraussetzung ist jedoch, dass im Programmrahmen zunächst eine aktive Auseinandersetzung mit der konkreten Umsetzung der Querschnittsthemen in den einzelnen Projekten angestoßen wird. Erst durch diesen Reflexionsprozess entwickeln die Projekte einen geschärften Blick auf die eigene Praxis, machen implizite Vorgehensweisen sichtbar und können Erfahrungen so beschreiben, dass sie auch für andere Projekte anschlussfähig und nutzbar werden.
Ohne diesen Austausch besteht die Gefahr, dass die Abfrage von Aktivitäten zur Umsetzung der Querschnittsthemen auf eine formale (oberflächliche und als lästig empfundene) Berichtspflicht reduziert wird.
Der Mehrwert entsteht gerade durch die gemeinsame Reflexion und den Austausch auf Augenhöhe: Gute Praxis wird nicht lediglich dokumentiert, sondern diskutiert, eingeordnet und für andere Kontexte übersetzbar gemacht.