Beispiel Guter Praxis: Das BIWAQ-Projekt FILLA M17
Die Umsetzung der drei Querschnittsthemen in Arbeitsmarktintegration und Teilhabeförderung von Migrant*innen
Im Rahmen des ESF Plus-Programms BIWAQ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) unterstützt das Projekt FILLA M17 Migrant*innen in der Stadt Fürth bei Arbeitsmarktintegration und sozialer Teilhabe und berücksichtigt die Querschnittsthemen durch geschlechtersensible und ökologisch nachhaltige Projektumsetzung, die Vermittlung von nachhaltigkeitsbezogenen Alltagskompetenzen und Empowerment.
Steckbrief
Institution FILLA M17
Programm BIWAQ - Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier (BMWSB)
Förderperiode 2021 – 2027
Projektlaufzeit 01.09.2023/ 01.01.2024 bis 30.06.2026
Querschnittsthemen Gleichstellung der Geschlechter, Antidiskriminierung, Ökologische Nachhaltigkeit
Förderschwerpunkt Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung von Armut
Projektpartner Stadt Fürth (Antragstellerin), ELAN - Einsteigen, Lernen, Arbeiten, Neuorientieren GmbH (Teilvorhabenpartner)
Quellen/Dokumente Projektwebsite
Kontakt Johanna Sauer
E-Mail
Um welche Herausforderung geht es?
Das Projekt FILLA M17 hat das Ziel, die Arbeitsmarktintegration von benachteiligten Migrant*innen in der Stadt Fürth zu verbessern und zugleich soziale Teilhabe zu ermöglichen. Dabei besteht der Anspruch, mit den Aktivitäten auch zu den Querschnittsthemen beizutragen.
Eine der Herausforderungen ist, dass die Zielgruppe ohnehin heterogen ist und sich zugleich mit den jeweils aktuellen Kriegen, Krisen und globalen Fluchtbewegungen ständig verändert. So ist zum Beispiel die Ausgangslage der geflüchteten Frauen aus der Ukraine im Hinblick auf das Qualifikationsprofil, die soziale Lage und die Bedarfe häufig eine andere als die von Frauen aus Syrien oder Afghanistan. Die Angebote müssen daher immer an die Zielgruppen in ihrer Vielfalt angepasst und zugleich veränderte Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.
Im Hinblick auf das Querschnittsthema der Ökologischen Nachhaltigkeit schildern die Mitarbeiterinnen des Projekts die Schwierigkeit, dass für die Zielgruppe besonders bei kurzem Aufenthalt in Deutschland vielfach andere Probleme im Vordergrund stehen und Sensibilisierung für das Thema und Aufklärung nachrangig sind.
Was wird gemacht?
Das Projekt FILLA M17 stellt sich den genannten Herausforderungen, in Fürth unter den gegebenen Bedingungen Arbeitsmarktintegration und soziale Teilhabe umzusetzen und zugleich gegen Diskriminierung anzugehen, Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und einen Beitrag zur Ökologischen Nachhaltigkeit zu leisten. Zentrale Hebel dafür sind die zielgruppenadäquate Gestaltung der Angebote und ein möglichst großer Lebensweltbezug einerseits, Flexibilität und Lernfähigkeit als Grundprinzipien für die Weiterentwicklung der Angebote andererseits.
Das Projekt wird im Rahmen des vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen geförderten BIWAQ-Programms (Bildung-, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) von der Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft der Stadt Fürth ELAN – Einsteigen, Lernen, Arbeiten, Neuorientieren GmbH umgesetzt. Es richtet sich an Migrant*innen über 18 in der Stadt Fürth. Ziel ist die Qualifizierung, Stärkung und Vermittlung in Arbeit. BIWAQ unterstützt benachteiligte Ort- und Stadtteile als Ergänzung zum Bundesstädtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“. Dadurch soll die bauliche Aufwertung der Quartiere (Sozialer Zusammenhalt) Hand in Hand mit der Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer Einwohner (BIWAQ) voranschreiten und zur umfassenden Transformation der Quartiere führen. Die arbeitsbezogenen Aktivitäten der Teilnehmenden finden überwiegend in den Quartieren statt und kommen somit ihnen unmittelbar zugute. Zentrales Merkmal vom Programm BIWAQ und des Projektes in Fürth ist der Quartiersbezug. Die Aktivitäten werden in den benachteiligten Gebieten der Altstadt und Innenstadt in Fürth umgesetzt. Sie richten sich bevorzugt an ihre Einwohner und Einwohnerinnen und finden in geringer räumlicher Entfernung statt. Zudem werten die gemeinschaftlich genutzten Orte - wie das Café - die Quartiere auch ästhetisch auf.
Im Projekt werden verschiedene Ansätze verfolgt, alle sind niedrigschwellig, und Übergänge zwischen den Angeboten sind gewünscht und werden gefördert; Empowerment und soziale Teilhabe der Zielgruppen stehen im Vordergrund. Im Projekt werden Basisberufskurse mit Praktikumsanteilen angeboten, in denen Deutsch als Zweitsprache und fachliche Lerninhalte vermittelt werden. Dabei werden auch grundlegende Informationen zum Arbeiten und Leben in Deutschland vermittelt und Arbeitssuche und Bewerbungsprozess unterstützt. Im Projekt werden weiter wöchentliche offene Gruppen für Sprachtrainings – davon einer nur für Frauen – durchgeführt, sowie ein Kurs, der Grundkenntnisse zum Umgang mit dem Computer und Handy mit berufsbezogenen Aspekten vermittelt. Dazu kommen regelmäßige gemeinsame Aktivitäten (z.B. Kochen) sowie Treffen von ehemaligen Kursteilnehmer*innen. Die in der Innenstadt gelegenen Ladenlokalräume der Mathildenstraße 17 (M17) sind für alle offen. Ein Café öffnet zu bestimmten Anlässen. Teil des Konzepts ist es auch, nach außen zu gehen, denn Aktionen in der Stadt und im Quartier tragen dazu bei, dass die Zielgruppe die vielen Facetten der Stadtgesellschaft kennen- und für sich zu nutzen lernt und dabei selbst sichtbarer wird.
Mit den niedrigschwelligen Angeboten soll die Basis für gesellschaftliche Teilhabe und das Arbeiten in Deutschland gelegt werden. Dabei werden die Querschnittsthemen als Grundsätze in vielerlei Hinsicht mit bedacht. Dies gilt z.B. für die Zielgruppenansprache auf der Homepage, die gut auf die Zielgruppe zugeschnitten ist. Die Texte sind kurz, in einfacher Sprache verfasst und mehrsprachig abrufbar und die Abbildungen zeigen Frauen als Lehrende und Teilnehmende – mit und ohne Kopftuch.
Das Projekt will auch in die aufnehmende Stadtgesellschaft wirken. Die teilnehmenden Migrant*innen werden durch die Quartiersaktionen sichtbarer; so können Vorbehalte und Diskriminierung abgebaut werden. Die Mitarbeiter*innen von FILLA M17 ermutigen und unterstützen die Teilnehmer*innen, sich selbst zu artikulieren, und verstehen sich auch selbst als Sprachrohr für die Zielgruppe. So werden auch strukturelle Probleme angesprochen – z.B. in politischen Gremien und gegenüber Funktionsträgern – und es wird versucht, Lösungen zu finden und Verständnis für die Zielgruppe in ihrer Vielfalt zu wecken. Auch die Teilnahme an Veranstaltungen, Ausstellungsprojekten und Aktivitäten gehört zum Programm. Dabei geht es immer auch darum, Kontakte herzustellen, Sprachgelegenheiten zu schaffen und den Aktionsradius der Migrant*innen zu erweitern. FILLA M17 organisiert zudem Veranstaltungen zu Rechten der Beschäftigten und führt Veranstaltungen zu Demokratie und Teilhabe durch.
Die Quartiersaktionen sind häufig mit Aspekten Ökologischer Nachhaltigkeit verknüpft und auch in den Kursen hat das Thema seinen festen Platz. So hat ein Vorgängerprojekt ein Konzept für eine Kleidertauschaktion entwickelt und umgesetzt, das in FILLA M17 fortgeführt wird und auch von anderen Akteuren erfolgreich übernommen wurde. Die Alltagsrelevanz für die Teilnehmenden spielt eine zentrale Rolle, aber Mitarbeiter*innen klären auch auf und erläutern immer wieder, dass es dabei um den Aspekt der Ressourcenschonung geht. Dabei dauerte es, bis die Nutzung gebrauchter Dinge und Kleidung anerkannt wurde. Teilnehmerinnen hatten die Nutzung zunächst häufig abgelehnt, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollten, sie könnten sich nichts Neues leisten. Diese Haltung veränderte sich langsam, so dass das Projekt – so eine Mitarbeiterin – zunehmend ein „Umschlagplatz für gebrauchte Dinge aller Art“ geworden sei. Bestandteil aller Kurse sind sog. snöf-Touren – dies steht für sozial, nachhaltig, ökologisch, fair – bei denen die Teilnehmer*innen den örtlichen Weltladen, Second Hand Läden, Projekte zur Lebensmittelrettung und den Unverpackt-Laden kennenlernen. Außerdem gibt es in jedem Kurs eine Einheit zu Ökologischer Nachhaltigkeit. Im Innenhofgarten von M17 werden Hochbeete gemeinsam angelegt und gepflegt. Den Mitarbeiter*innen zufolge steht in der Vermittlung der Lebensweltbezug, d.h. der praktische Nutzen von umweltfreundlichem Verhalten, im Vordergrund.
Auch in der Projektumsetzung selbst ist den Mitarbeiter*innen ökologische und soziale Nachhaltigkeit wichtig; dies drückt sich z.B. darin aus, dass auf Internet-Bestellungen von Büro- und anderen Materialien möglichst verzichtet wird, in den Räumlichkeiten auch vor allem gebrauchte Möbel zum Einsatz kommen und der Träger Öko-Strom bezieht. So versucht das Projektteam Vorbild für die Teilnehmenden wie auch Kooperationspartner zu sein.
Zum Querschnittsthema Gleichstellung der Geschlechter wird im Projekt FILLA M17 ebenfalls ein Beitrag geleistet – mittels einer Kombination aus Mainstreaming und spezifischen Aktivitäten. In früheren Projekten wurde versucht, das Thema direkt anzusprechen und z.B. die familiale Arbeitsteilung zu erfragen, dies wurde jedoch von Teilnehmerinnen als übergriffig erlebt. Bei den Aktivitäten mit Teilnehmerinnen wird nun vor allem der Raum eröffnet für Berichte der Frauen. So verstehen die Mitarbeiter*innen ihre Belastungen besser. Dann geht es vor allem darum, ihnen Mut zu machen, ihre Kompetenzen zu erweitern und zu verdeutlichen und sie durch die Angebote auf ihrem Weg zu unterstützen. Die Erfahrung ist, dass gerade bei Frauen der Aufbau von Selbstbewusstsein länger dauert. Weiter werden den Teilnehmer*innen Menschen- und insbesondere Frauenrechte gezielt vermittelt.
Nachdem in Vorgängerprojekten nur Frauen die Zielgruppe waren, nimmt das Projekt mittlerweile auch Männer auf. Allerdings gibt es immer noch einen Sprachkurs nur für Frauen und die Mitarbeiter*innen von FILLA M17 versuchen, den migrantischen Frauen mit ihren so unterschiedlichen Hintergründen auch in den gemischten Formaten gerecht zu werden. Sie beobachten genau die Folgen der Öffnung. Dabei zeigt sich, dass für viele geflüchtete Frauen mit niedrigem Bildungsstand geschlechterhomogene Gruppen Voraussetzung der Teilnahme sind. Bei der jetzt vorwiegend vertretenen Gruppe der geflüchteten Ukrainerinnen ist das Bildungsniveau deutlich höher, der Bedarf an Schutzräumen geringer.
Warum ist das Gute Praxis?
Das Projekt ist aus Sicht von FAQT gute Praxis, weil es themen- und zielgruppenangemessen gelingt, das Kernanliegen von BIWAQ und FILLA17 – d.h. die Arbeitsmarktintegration und Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit von arbeitsmarktfernen Personen - umzusetzen und die Querschnittsthemen im Projekt zu verankern. Bei Antidiskriminierung und Gleichstellung der Geschlechter werden spezifische Ansätze zur Unterstützung der Zielgruppe in ihrer Vielfalt verfolgt und zugleich im Mainstreaming umgesetzt.
Ökologische Nachhaltigkeit wird in der Projektumsetzung immer mitgedacht und anhand konkreter alltagsrelevanter Anknüpfungspunkte mit der Zielgruppe thematisiert. Dabei reagiert das Projekt schnell auf Veränderungen bei der Zielgruppe und auf veränderte Rahmenbedingungen und versucht immer wieder Ansätze zu verbessern, wie die Kernziele des Projekts und die Querschnittsthemen so gut wie möglich umgesetzt werden können. Die Auswertung vorheriger Erfahrungen fließt so immer wieder in die Neukonzeption von Maßnahmen ein; auch im Hinblick auf die Querschnittsthemen findet fortlaufende Weiterentwicklung und Lernen statt.
Was ist für einen Transfer zu beachten?
Die Ansätze des Projekts sind für viele Projekte, die Arbeitsmarktintegration und soziale Teilhabe von Migrant*innen unterstützen, übertragbar. Allerdings wird deutlich, dass der Erfolg der Ansätze auch von den Rahmenbedingungen abhängt. Hohe Zielzahlen und eine kurze Projektlaufzeit führen häufig dazu, dass alle Aktivitäten sich auf die Vermittlung in Arbeit konzentrieren. Die Projektleitung betont, dass es mehr Zeit erfordert, die Querschnittsthemen sowie allgemeine Werte und Elemente des deutschen Gesellschaftssystems wie Grundrechte, Gemeinwohl und Demokratie gut zu vermitteln. In Bezug auf die Zielgruppe Frauen ziehen die Projektmitarbeiter*innen die vorläufige Zwischenbilanz, dass Frauen von geschlechterhomogenen Gruppen stärker profitieren als Männer. Frauen haben sich bei manchen Themen eher geöffnet ohne Männer in der Gruppe, und für einige war der geschützte Raum eine wichtige Unterstützung.