Beispiel Guter Praxis: Das Projekt BBNE-PfleGe
Ökologische Nachhaltigkeit in der beruflichen Aus- und Fortbildung von Praxisanleitungen in Pflege- und Gesundheitsberufen
Im Rahmen des ESF Plus-Programms Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB) des BMBFSFJ fördert das Projekt BBNE-PfleGE berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Pflege- und Gesundheitsberufen. Praxisanleitenden und deren Fortbildner*innen werden nachhaltigkeitsbezogene und transformative Handlungskompetenzen in modularen Bildungsangeboten vermittelt.
Steckbrief
Institutionen KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (Koordination)
Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)
Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe (BBG)
Programm Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB) (BMBFSFJ)
Projekt BBNE-PfleGe
Förderperiode 2021 – 2027
Projektlaufzeit 01.07.2024 bis 30.06.2026
Querschnittsthema Ökologische Nachhaltigkeit
Quellen/Dokumente Zentrale Projektseite beim DBfK
Materialien zu dem Verbundprojekt
Kontakt Ulrike Koch, Verbundleiterin bei KLUG
E-Mail
Um welche Herausforderung geht es?
Die Bedeutung von Klimaanpassung und Nachhaltigkeit nimmt auch in der Pflege zu. Zum einen ist die Gesundheit von Menschen untrennbar mit den klimatischen Bedingungen und einer intakten Umwelt verbunden (Konzept der Planetaren Gesundheit). Zum anderen ist der Gesundheitssektor ein wichtiger Verursacher von Umweltschäden und Klimawandel. Der Studie Health care climate footprint report zufolge ist er für 4,4 % der globalen CO2-Nettoemissionen verantwortlich.
Die Verpflichtung, sich in Pflegeberufen für Nachhaltigkeit allgemein und besonders im Gesundheitswesen einzusetzen, ergibt sich aus dem ICN Ethikkodex für Pflegefachpersonen (2021): „Pflegefachpersonen (…) sind sich der gesundheitlichen Folgen der Umweltzerstörung, z. B. aufgrund des Klimawandels, bewusst. Sie treten für Initiativen ein, die umweltschädliche Praktiken reduzieren, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern.“ Die Pflegebranche muss also so gestaltet werden, dass sie mit den Herausforderungen durch Folgen des Klimawandels umgehen kann und sie muss selbst ihren Beitrag zur Emissionsreduktion leisten und auch andere Umweltschäden minimieren.
Gleichwohl gibt es bislang wenig Ansätze, Handlungskompetenz zu Planetarer Gesundheit und Ökologischer Nachhaltigkeit in die Pflegeausbildung zu integrieren; Nachhaltigkeit ist auch kein fester Bestandteil der Aus- und Fortbildung der Praxisanleiter*innen. Dabei bieten sich neue Chancen zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener, transformativer Handlungskompetenz in der Versorgungspraxis, weil in der partiellen Neuordnung von Gesundheitsberufen die Bedeutung der Praxisanleitenden gestärkt wurde. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung angehender Berufsangehöriger beim Erwerb beruflicher Kompetenzen und können ihnen dabei auch Planetare Gesundheit und ökologische Nachhaltigkeit näherbringen.
Ansätze zur Kompetenzentwicklung, die auf Ebene der Pflegeausbildung und der Kompetenzentwicklung von Praxisanleitungen ansetzen, sind besonders nachhaltig, treffen allerdings auf unterschiedliche Herausforderungen. Veränderungen in den Curricula der Aus-, Fort- und Weiterbildung sind aufgrund der Vielzahl beteiligter Akteure, der Themenkonkurrenz und der langen Veränderungsprozesse am schwierigsten zu erreichen. Auch werden sie dadurch erschwert, dass die Pflege multiple Krisen durchläuft: Stichworte sind Fachkräftemangel, Fluktuation aufgrund kritischer Arbeitsbedingungen, eine zu geringe gesellschaftliche Anerkennung des Berufs bzw. mangelndes Selbstbewusstsein der Berufsgruppe sowie Defizite bei der interdisziplinären Zusammenarbeit.
Was wird gemacht?
Aus dem ESF Plus-Programm Nachhaltig im Beruf (BMBFSFJ) widmen sich zwei Projekte dem Thema: Neben dem Projekt NAHT aus Hochschulperspektive ist dies das hier vorgestellte Projekt BBNE-PfleGe.
Ziel des Projekts ist es, durch Bildungsangebote Praxisanleitende in Pflege- und Gesundheitsberufen für nachhaltiges Handeln und Planetare Gesundheit zu sensibilisieren und ihre nachhaltigkeitsbezogene und transformative Handlungskompetenz zu erhöhen, damit diese im Berufsalltag in ambulanten und stationären Settings ihr Wissen und ihre Kompetenzen anwenden und an Auszubildende weitergeben. Dabei wird der Ansatz der Bildung für Nachhaltige Entwicklung mit dem handlungsorientierten Ansatz verfolgt.
Dafür haben sich drei Organisationen zusammengetan: Der Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe (BBG) an der Charité – mit um die 1500 Auszubildende der größte Ausbildungscampus für Pflege- und Gesundheitsberufe in Deutschland - , der DBfK – Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe als größte berufsständische Vertretung Pflegender in Deutschland und als Koordinatorin KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit. KLUG ist eine gemeinnützige Organisation, die auf die Folgen der Klima- und Umweltkrise für die Gesundheit aufmerksam macht und Menschen aus Gesundheitsberufen befähigt, die notwendige Transformation hin zu einer klimagerechten Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
Kern des Projektes ist die Konzeption und Umsetzung eines berufspädagogischen Fortbildungsangebots für Praxisanleitende für Pflegeberufe. Diese Konzeption wurde unter Einbezug der Adressat*innengruppen erarbeitet. Die eintägige Fortbildung besteht aus 8 Unterrichtseinheiten, die auf die jährliche Fortbildungspflicht der Praxisanleiter*innen von 24 Stunden angerechnet werden können. Das Fortbildungsangebot wird aufgrund der großen Nachfrage bundesweit bei über 40 Kooperationspartnern durchgeführt. Die Fortbildung wurde als Präsenzangebot und digitales Angebot konzipiert, geplant ist, je 1000 Teilnehmende digital und in Präsenz zu erreichen. Bis September 2025 wurden bereits 27 Präsenzveranstaltungen mit 609 Teilnehmenden durchgeführt. Die Fortbildung wird sowohl als Inhouse-Schulung beim DBfK (für Verbandszugehörige, aber auch für Externe) als auch über kooperierende Fort- und Weiterbildungseinrichtungen verschiedener Träger angeboten. Die Organisation der Fortbildungen übernehmen BBG und DBfK, an den Fortbildungen sind Fortbildner*innen der drei Partner beteiligt. Der DBfK informiert über das Angebot, aber die Partner sprechen auch potenziell Interessierte proaktiv an. Teilweise melden Einrichtungen die Praxisanleitenden an, teils melden sich Praxisanleitende selbst.
Die Fortbildung hat die folgenden Inhalte:
- Grundlagen und zentrale Aspekte zum Zusammenhang von Klimakrise und Gesundheitsversorgung,
- Verständnis von Planetarer Gesundheit (Planetary Health), Nachhaltigkeit und transformativem Handeln,
- Handlungsstrategien zum Umgang mit den Auswirkungen der Klimakrise auf die Gesundheit sowie zur Reduktion der Auswirkungen der Gesundheitsversorgung auf die Klimakrise,
- Rolle und Aufgaben der Pflege- und Gesundheitsberufsangehörigen im Umgang mit der Klimakrise, insbesondere auch von Praxisanleitenden,
- Kennenlernen, Adaptieren und Entwickeln von Methoden und Materialien zur Förderung nachhaltigkeits- und transformationsbezogener Kompetenzen für die Praxisanleitung.
In der Fortbildung kommen verschiedene Methoden zum Einsatz. Die Sensibilisierung über Faktenvermittlung – z.B. zum 1,5 Grad Ziel, Trinkwasser- und Materialverbrauch in der Pflege – ist der Einstieg. Die Teilnehmenden arbeiten dann weiter in Gruppen und erhalten Gelegenheit zu Diskussion, Erfahrungsaustausch und Vernetzung. Ihnen wird möglichst viel an die Hand gegeben, was sie selbst tun können. Alle Praxisanleiter*innen müssen auf ihre Arbeit zugeschnittene Arbeits- und Lernaufgaben entwickeln; im Rahmen der Fortbildung gibt es dazu eine Einheit. Dieses Element und der Austausch untereinander kommen – so die Wahrnehmung der Projektpartner – bei den Teilnehmenden besonders gut an.
Die Leiter*innen der Fortbildung berichten, dass das Fortbildungskonzept insgesamt aufgeht – auch bei denen, die von den Einrichtungen angemeldet wurden und potenziell weniger motiviert sind, weil sie verpflichtet wurden. Nur ganz wenige – so die Koordinatorin – werden nicht erreicht. Vielen kann durch wissenschaftliche Fakten die Dringlichkeit vermittelt werden; besonders hilfreich sei, dass in der Fortbildung nicht konfrontativ vorgegangen wird, es wird niemand bloßgestellt. Zudem gelinge es, eine gemeinsame Basis zu schaffen, wenn durch Nachfragen deutlich wird, dass fast alle in irgendeiner Form selbst bereits nachhaltig handeln. Hilfreich ist auch, dass bei den Erfahrungen in der Pflege angesetzt wird, denn schließlich teilten alle die Wahrnehmung, dass eine Überversorgung mit Medikamenten vorliege und Material vielfach verschwendet werde. So gelinge es, auch mit Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, zum Thema konstruktiv ins Gespräch zu kommen.
Um größere Verbreitung und Nachhaltigkeit zu erreichen, wurde das Fortbildungsangebot außerdem als Train the Trainer-Angebot weiterentwickelt. Dieses kombinierte Online- und Präsenzangebot (2 Tage in Präsenz, ein halber Tag online) richtet sich an Dozierende in Fort- und Weiterbildung für Praxisanleitende. Im ersten Halbjahr 2026 wird das Konzept im Rahmen eines Pilotprojekts für 50 Teilnehmende an drei Standorten in Deutschland erprobt.
Schließlich wird auf der Grundlage der entwickelten Materialien ein kostenfreies offen zugängliches Fortbildungsangebotsportfolio (Lernlandschaft) als Teil der Planetary Health Academy veröffentlicht. Dieses enthält ein Mustercurriculum, die Materialien mit inhaltlichen sowie didaktisch-methodischen Kommentierungen sowie Vorschläge für Arbeits- und Lernaufgaben mit Musterlösungen. Auch dazugehörige Verlaufsplanungen werden eingestellt.
Weitergehendes Ziel ist die Verankerung der Themen in den Rahmenplänen der Fachkommission nach §53 PflBG (Gesetz über die Pflegeberufe) sowie in weiteren gesetzlichen und untergesetzlichen Ordnungsmitteln auf Bundes- und Länderebene. Ökologische Nachhaltigkeit soll in der grundständigen Ausbildung verankert werden. Das zu erreichen ist ungleich schwieriger; noch, so die Koordinatorin, sei es nicht überall angekommen, dass Ökologische Nachhaltigkeit nicht in Konkurrenz zu anderen Themen treten muss, wenn sie als Querschnittsthema gedacht wird.
Warum ist das Gute Praxis?
Das Projekt will durch die Schulung von Multiplikator*innen und die kostenfreie Bereitstellung von erfolgreich erprobtem Lehrmaterial möglichst viele Pflegeauszubildende, Praxisanleiter*innen und Fortbildner*innen direkt und indirekt erreichen. So kann nachhaltige Veränderung im Berufsfeld bewirkt werden. Zugleich verfolgt das Projekt auf dieser Grundlage das Ziel, die Themen nachhaltiges Handeln und Planetare Gesundheit in die grundständige Ausbildung zu integrieren. Insbesondere die Kooperation von KLUG als fachlich versierter zivilgesellschaftlicher Organisation an der Schnittstelle von Gesundheit und Nachhaltigkeit, dem BBG mit der pflegepädagogischen Perspektive und dem DBfK als berufspolitischem Verband ist erfolgversprechend. Auch die Anbindung an das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das für das Programm Nachhaltig im Beruf die Projekte fachlich begleitet und unterstützt, kann zum Ziel beitragen, auch längerfristig Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung zu verankern.
Herauszustellen ist ferner, dass Ökologische Nachhaltigkeit nicht nur Inhalt der Fortbildungen ist, sondern als Querschnittsaufgabe bei der Durchführung dieser Fortbildungsformate selbst beachtet wird (Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Verpflegung vegetarisch/vegan, ökologische Beschaffung, Ressourcenschonung). Auch die anderen Querschnittsthemen haben die Projektpartner im Blick – so die häufigen Diskriminierungserfahrungen von fachlich gut ausgebildeten, aber sprachlich schlecht vorbereiteten Pflegekräften aus dem Ausland, aber auch den nach wie vor großen Frauenanteil in der Pflege.
Was ist für einen Transfer zu beachten?
Viele der Ansätze lassen sich auch auf andere Projekte übertragen: Der Fokus auf eine Berufsgruppe, deren Handeln die Folgen von Klimawandel bewältigen muss und zugleich mitursächlich für Umwelt- und Klimakrisen ist; ebenso der Fokus auf Praxisanleitende und das Ziel der nachhaltigen Implementierung in Ausbildungsordnungen. Eine Reihe von Merkmalen des Projektes sind als Erfolgsfaktoren hervorzuheben und wären bei einem Transfer zu beachten. Neben der Zusammensetzung der Projektpartner, der Integration der Zielgruppen in die Entwicklung der Bildungsangebote sind die systematische Erprobung, Evaluation und Anpassung des Bildungsangebots, die Weiterentwicklung zu einem Train the Trainer-Konzept und die kostenfreie Bereitstellung der Materialien zu erwähnen. Die konsequente Orientierung am Ansatz der Bildung für Nachhaltige Entwicklung mit dem handlungsorientierten Ansatz ist ebenfalls zentraler Erfolgsfaktor.