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Beispiel Guter Praxis: EXIST-Women

Existenzgründung für Frauen aus der Wissenschaft

Im Rahmen des vom ESF Plus kofinanzierten Programms EXIST-Women werden Frauen aus der Wissenschaft für eine Gründung sensibilisiert, qualifiziert, vernetzt, auf eine mögliche Start-Up-Gründung vorbereitet und finanziell gefördert. Das Programm ermutigt Frauen dazu, eine unternehmerische Selbstständigkeit zu etablieren und soll dazu beitragen, den Anteil von Geschäftsführerinnen und Gesellschafterinnen in innovativen Unternehmensgründungen zu erhöhen.

Steckbrief

Institutionen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE)
Projektträger Jülich

Programm EXIST-Women
Existenzgründerinnen aus der Wissenschaft

Förderperiode 2021 – 2027 (ab 2023)

Querschnittsthema Gleichstellung der Geschlechter

Förderschwerpunkt Förderung nachhaltiger und hochwertiger Beschäftigung, Gründungen und Unternehmertum sowie Anpassung an den Wandel

Quellen/Dokumente Programm-Website
Handbuch

Kontakt Frau Dr. Antje Dewitz
E-Mail
Projektträger Jülich
E-Mail

Um welche Herausforderung geht es?

Seit 2007 fördert der ESF durch spezifische Richtlinien im Bundeswirtschaftsministerium Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft in innovations- und technologie-orientierten Branchen. Die bestehenden Richtlinien EXIST-Gründungsstipendium, EXIST-Forschungstransfer sowie EXIST-Gründungskultur/EXIST-Potentiale wurden im Jahr 2023 durch eine Förderlinie für Gründerinnen ergänzt. Seit 2024 ist die Richtlinie EXIST Women im ESF Plus des Bundes integriert. Der zentrale Beweggrund für die Entwicklung einer frauenspezifischen Gründungsförderung lag in der geringen Repräsentanz von Frauen in den bisherigen EXIST-Programmen: bis 2019 lag der Anteil von Gründerinnen in den EXIST-Programmen durchschnittlich bei weniger als 15 %. Nach 2019 war ein leichter Anstieg des Gründerinnenanteils zu beobachten. Dieses Ungleichgewicht kam u.a. dadurch zustande, dass die Technologie-Ausrichtung der Gründungsförderung vor allem Studierende in den stärker männlich geprägten MINT-Studienfächern adressierte. Aber auch weitere strukturelle Gründe führten zu der Entscheidung, eine spezifische, nur für Frauen zugängliche Richtlinie zu entwickeln. Der Female Founders Monitor 2022 stellte fest, dass nur 20 % der Startup-Gründenden Frauen sind. Folgende Faktoren wirken der Analyse zufolge besonders negativ:

  • Die Vereinbarkeit von Familie und Gründung ist nach wie vor die zentrale Hürde, die viele Frauen daran hindert, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.
  • Gesellschaftliche Stereotype wirken auch in geschäftlichen und in innerfamiliären Zusammenhängen und entmutigen Frauen.
  • Studienanfängerinnen in MINT-Fächern sind stark unterrepräsentiert, so dass ihr Anteil an den förderintensiven Unterstützungsprogrammen generell gering ist.
  • Weibliche Vorbilder fehlen spätestens im Studium, aber bereits in der Schule müsste eine stärkere Ermutigung auch durch „role models“ stattfinden.
  • Startups weisen vor allem im MINT-Bereich eine hohe Anzahl männlicher Gründer auf, so dass dieser Kontext nicht mit erfolgreichen Gründerinnen assoziiert wird. Fehlende Kontakte und Netzwerke – in denen diese männliche Dominanz auch zu Ausgrenzungsmechanismen führt – verstärken diese Tendenz.
  • Weniger Risikokapital für Gründerinnen-Projekte erhöht die Hürden von gründungsinteressierten Wissenschaftlerinnen zusätzlich.

Diesen Herausforderungen begegnet EXIST-Women mit einem attraktiven Unterstützungsangebot für potenzielle Gründerinnen aus der Wissenschaft. Antragstellende sind Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die für fünf bis maximal 10 Gründerinnen Angebote entwickeln.

Was wird gemacht?

Das Förderziel von EXIST Women gliedert sich in folgende Segmente:

  1. Die Anzahl der wissens- und forschungsbasierten Gründungsprojekte aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit Beteiligung von Frauen soll gesteigert werden.
  2. Absolventinnen, Wissenschaftlerinnen, Studentinnen und Frauen mit Berufsausbildung sollen für die unternehmerische Selbstständigkeit und die Gründung eines eigenen Unternehmens gewonnen und qualifiziert werden.
  3. Gründungsnetzwerke an Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen beim Aufbau von Maßnahmen und Strukturen zur Ansprache und Betreuung von Gründerinnen fungieren. 

Die Schwellen für eine Teilnahme sind gezielt niedrig gehalten. So können sowohl gründungsinteressierte und gründungsaffine Frauen mit oder ohne konkreter Gründungsidee in der Phase vor der Gründung teilnehmen. Auch Gründungsideen, die nicht wissens- oder forschungsbasiert sind (bspw. Dienstleistungsangebote), sind förderfähig und öffnen somit größere Spielräume für Teilnehmerinnen. Unternehmerisches Denken, fachliche Kompetenzen, Kommunikationsfähigkeit und Kreativität sind selbstverständliche Voraussetzungen, um an dem 12-monatigen Qualifizierungsprogramm (auch studien- oder berufsbegleitend) teilnehmen zu können. Die Gründungsidee muss wirtschaftlich realisierbar sein und kann (optional) einen Nachhaltigkeitsaspekt beinhalten.

Die konkreten Konditionen beinhalten eine einmalige Förderung von 2.000 € für Sachmittel pro Gründerin sowie ein Stipendium (max. 3 Monate) in Höhe von 1.000 bis 3.000 € im Monat (je nach Graduierung und Immatrikulationsstatus, analog zur Förderlinie EXIST-Gründungsstipendium). Hinzu kommt ein Kinderunterhaltszuschlag pro Kind und Monat in Höhe von 150 €.

Neben der Qualifizierung (u.a. Basisqualifikationen/Soft Skills, Erstellen eines Business-Plans, Investorenansprache für Gründerinnen, Pitchtraining (Marketing-orientiertes Präsentieren)) und der individuellen Beratung wird ein Mentoring angeboten sowie Zugänge zum bundesweiten Gründerinnen-Netzwerk eröffnet. Sharing- und/oder Co-Working-Arbeitsplätze können je nach Kapazitätslage ebenfalls bereitgestellt werden.

Erste Monitoringergebnisse deuten darauf hin, dass EXIST-Women zu einer deutlichen Steigerung des Gründerinnenanteils in der nachfolgenden Förderlinie EXIST-Gründungsstipendium geführt hat (von 25% im Juli 2024 auf 38 % im Juli 2025).

Warum ist das Gute Praxis?

Die gute Praxis des ESF Plus-Programms EXIST-Women lässt sich auf drei Ebenen identifizieren. Die erste Ebene umfasst das Bundesprogramm ESF Plus, denn bislang gab es in der jetzigen Förderperiode lediglich ein gleichstellungsorientiertes Programm (My Turn, BMAS). Zwar haben einige ESF-Programme gleichstellungspolitische Komponenten (z.B. Wandel der Arbeit), eine 100%ige Förderung im Sinne der Zielsystematik lag jedoch nur bei My Turn vor. Mit EXIST Women wurde 2024 also das zweite Programm im Schwerpunkt 1 („Förderung nachhaltiger und hochwertiger Beschäftigung, Gründungen und Unternehmertum sowie Anpassung an den Wandel“) aufgenommen. Somit sind seit 2024 zwei von 33 ESF Plus Programmen reine Frauenförderprogramme. 

Die zweite Ebene betrifft die Gründungsförderung im ESF Plus auf Programmebene: Der geringe Anteil von Frauen an der Gründungsförderung des BMWE im ESF in den vergangenen drei Förderperioden führte zu der Entscheidung, eine spezifische Förderrichtlinie für Frauen zu entwickeln und somit die strukturellen Barrieren bei der Gründung durch Frauen vor allem in MINT-Startups direkt zu adressieren. Hochschulen, Universitäten und weitere Wissenschaftsräume können somit ähnlich wie andere Einrichtungen (siehe auch www.gruenderinnenagentur.de) systematisch Frauen in ihrer Selbständigkeit unterstützen. Darüber hinaus können wertvolle Erkenntnisse in EXIST-Women generiert werden, um strukturelle Diskriminierung in der allgemeinen Gründungsförderung zu identifizieren und diese künftig fördersystematisch auszuschließen. Dieser frauenspezifische Ansatz ist Teil der Doppelstrategie, die im ESF bzw. in der EU-Gleichstellungspolitik eingefordert und gefördert wird.

Die dritte Ebene bezieht sich auf die konkreten Aktivitäten für die potenziellen Gründerinnen. Frauen werden nicht nur ermutigt, sondern auch finanziell und durch qualifizierte Begleitung und Mentoring konkret unterstützt, um ihre Geschäftsidee in ein erfolgreiches Unternehmen zu überführen. Auch die Entscheidung, gegebenenfalls nicht zu gründen, kann hierbei als ein wichtiges (positives) Resultat gewertet werden. 

EXIST-Women zeigt in seiner Ausgestaltung einen Förderansatz, der Frauen in ihrer Vielfalt in ihrer konkreten Situation ein umfassendes qualitativ hochwertiges Unterstützungs-Portfolio anbietet. Das Empowerment geht einher mit tragfähigen finanziellen Unterstützungen und ergebnisoffenen Begleitungen.

Was ist für einen Transfer zu beachten?

Alle ESF Plus-Programme können frauenspezifische Förderansätze innerhalb ihrer Richtlinien entwickeln, sofern dies auf der Basis der Analyse der Ergebnisse für adäquat und sinnvoll erachtet wird. Eine vollständige neue Richtlinie zu etablieren, macht dann Sinn, wenn der Bedarf bei der Zielgruppe (hier: potenzielle Gründerinnen in der Wissenschaft) vorhanden ist und der Interventionsbereich (hier: Gründungs-Systeme in Wissenschaft und Forschung) große Geschlechterdiskrepanzen aufweist. Wichtig ist hierbei, dass Erkenntnisse aus dem frauenspezifischen Interventionsansatz für die allgemeine Förderung nutzbar gemacht werden, um künftige Geschlechterdisparitäten zu verhindern.

Auch auf der Projektebene können im Rahmen von nicht-gleichstellungsorientierten Programmen frauenspezifische Projekt oder Teilprojekte umgesetzt werden. Dies ist sowohl bei Zielgruppen (z.B. Beschäftigte, Jugendliche, Nicht-Erwerbstätige) als auch bei sog. Strukturprogrammen (z.B. Forschung und Entwicklung) und ebenso bei KMU-adressierten Förderprogrammen möglich. Eine Vielzahl von Projektträgern setzt frauen- und/oder gleichstellungsorientierte Aktivitäten bereits um und trägt damit zu einer (weiteren) Verbesserung der gleichstellungspolitischen Wirkungen im ESF Plus bei. 

Grundvoraussetzung für einen Transfer sind zudem wie immer die Gender-Kompetenz in Kombination mit fachpolitischem Wissen aus dem Fördersegment sowie eine auf Kontinuität angelegt Operationalisierung innerhalb der Programmadministration.


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